Ein Wintermärchen - Lolita Wintertreffen in Kandersteg

4.2.13



Das Alpenländchen hat eben doch auch ein paar hübsche Kulissen zu bieten.
Wieder einmal bewiesen hat es mir das, indem sich unsere verschneiten Berge am Samstag vor zwei Wochen in Kandersteg in voller Pracht präsentiert haben.
Aber nicht nur die Berge gaben sich alle Mühe im Sonnenschein bei ein paar Grad minus hübsch, schneebedeckt vor sich hin zu glitzern, sondern auch die Menschen in Kandersteg hatten sich alle herausgeputzt.

Die "Belle Epoque" Woche in Kandersteg wurde erstmals 2009 durchgeführt. Ganz nach dem Motto "Früher war alles besser" frönt man während dieser Woche im ganzen Dorf der "Belle Epoque", also der Zeit um etwa 1880 bis kurz vor dem Ersten Weltkrieg 1914. Während dieser Zeit hatte der Tourismus im Berner Oberland seine erste Blütezeit und in Kandersteg wurden viele Sportarten eingeführt, die noch heute sehr beliebt sind, wie zum Beispiel Curling oder Eishockey. Kunst, Mode und Architektur gipfelten im Expressionismus, Jugendstil und Art Nouveau, die ersten Telefone und Autos wurden benutzt.

Seit 2009 ist es nun also Tradition, dass die 1200 Meter über Meer gelegene Gemeinde Kandersteg eine Woche organisiert, die ganz dieser längst vergangenen Zeit gewidmet ist.
Obwohl es keine Kleidervorschriften für die verschiedenen Veranstaltungen wie z.B. das Nostalgie-Skifahren, den Swiss Classic Train oder den historischen Jugendstil-Ball gibt, so kleiden sich doch die meisten Besucher und Dorfbewohner in der Mode der alten Zeit.
Die Herren mit ihren Zylindern auf den Köpfen und dem Gehstock in der Hand, führen elegante Damen in Korsetts unter, mit Blumen und Federn verzierten, Hüten am Arm die Strassen entlang, kleine Mädchen tragen weisse Kleidchen mit Spitzenbesatz und die Jungen tollen in Hosenträgern und mit Beret auf dem Kopf herum.

Ich muss zugeben, dass mein, von Zeit zu Zeit irgendwie nostalgisch veranlagtes, Herz höher schlug, als wir gegen zwei Uhr nachmittags am Bahnhof in Kandersteg ankamen und ich die ersten hübschen Damen erblickte. Unsere Gruppe präsentierte sich aber auch alles andere als schlecht: Ich war das erste Mal mit dabei an einem Treffen der Schweizer Gothic Lolita Community.
Obwohl unsere Kleidung natürlich mehrheitlich den Regeln der japanischen Lolita Mode entsprach, so passten wir doch ganz gut ins Bild, ist doch die Belle Epoque das Pendant zur Viktorianischen Zeit in England.

Den "englischen Wurzeln" unserer Kleidung machten wir auch alle Ehre, als wir gegen drei Uhr, nachdem wir eine Stunde im malerischen Dörfchen Fotos gemacht hatten, zum Afternoon Tea im Waldhotel Doldenhorn einkehrten.



Als Kandersteg während der Belle Epoque ins Visier der Wintersportler und Touristen geriet, zog es damit viele englische Gäste an. Um diesen gerecht zu werden, wurde Afternoon Tea in den damaligen Hotels Bestandteil des Services.

Und so erhielten auch wir einen Low Tea ganz nach englischer Tradition: Schwarztee, Sandwiches, belegte Brote und süsses Gebäck. Einziger Wermutstropfen für eingefleischte UK-Fans: Es gab keine Scones.

Dafür wurden wir, während wir assen und tranken, mit einer wunderbaren Modeschau unterhalten. Präsentiert wurde die Modeschau des Couture Ateliers "entre nous". In vier Bildern führte uns die corsetière Beata Sievi durch das Thema "Paris et ces dames" ("Paris und seine Damen"). Im Mittelpunkt der ganzen Schau standen verschiedene Korsette, die von Schülerinnen vorgeführt wurden. Wir sahen Kreationen zu den Motiven "Pariser Abendgarderobe", "Pariser Nächte" (mein Lieblingsmotiv, nicht zuletzt weil dieses Motiv die Mode der Freudenhäuser aufgriff), "Pariser Mädchen" und "Lingerie".
Die Modeschau war inspirierend, auch wenn ich mir den Aufwand von mindestens 25 Stunden zum Schneidern eines eigenen Korsetts wohl nie antun werde.

Nach dem Ende der Modeschau liessen wir den Abend gemütlich ausklingen - wir tranken noch ein paar Tassen Tee, durften Fotos gemeinsam mit den Models machen und räkelten uns noch eine Weile in den bequemen Sesseln im Hotelfoyer. Dann wurde es auch schon Zeit den nächsten Zug in die Alpenländchen-Hauptstadt zu erwischen, also machte sich unsere reizende Gruppe von 13 Lolita-Begeisterten über die vereisten Strassen auf den Weg zurück zum Bahnhof.

Auch wenn das jetzt unglaublich nostalgisch und irgendwie wie eine Kritik am 21. Jahrhundert klingt: Als ich am späten Abend Zuhause aus meinem Lolita-Outfit schlüpfte, wurde mir erst klar, dass es das heute so nicht mehr gibt: Afternoon Tea, Korsette und lange, elegante Kleider mit fantastischen Hüten. Welten waren aufeinander getroffen.
Eine seltsame Wehmut überkam mich.



Sie stellte sich aber schnell wieder ein, als ich mich daran erinnerte, dass nicht jeder Mensch zurzeit der Belle Epoque reich gewesen war. Nicht jeder hatte das Privileg gehabt nach Kandersteg zu reisen, rauschende Bälle zu besuchen und kostbare, modische Kleider zu tragen.
Es gab Menschen, die sich zu Tode gearbeitet hatten.
Kinder, die in Fabriken halbverhungert, mit verschmiertem Gesicht die schmutzigen Maschinen gewischt hatten. Frauen von hoher Geburt, die eine Affäre gewagt hatten und deren Eltern sie daraufhin verstossen hatten. Es gab Leid, es gab Hass. Schande und Ungerechtigkeit genau wie heute.
Am Ende ist keine Zeit besser als die andere.

Wie ich schon in "Nostalgie lässt sich tragen" bemerkte, gehöre ich nicht zu jenen, die Lolita-Mode als Lebenseinstellung betrachten. Nicht nur, weil ich noch keine ganze Lolita-Garderobe besitze, sondern auch, weil ich mich mit sehr vielem Gedankengut, welches aus diesen vergangen Zeiten stammt und manche Lolitas übernehmen, nicht identifizieren kann.

Es ist nicht so, dass es heute keine Unterschiede innerhalb der Gesellschaft mehr gäbe.
Mir ist vollkommen bewusst, wie gross die Kluft zwischen Arm und Reich ist.
Doch heute sehen wir es nicht mehr als gottgegeben, wir müssen uns nicht mehr breitwillig vor einem Thron niederwerfen, auf dem auch nur ein Mensch sitzt.
Die historische Mode ist für mich eine besondere Form der Ästhetik, die ich irgendwo auch bewundere und so schön finde, dass ich sie auch gerne mal anziehe und mich damit beschäftige.
Ich werde aber niemals vergessen, dass irgendwann während der Belle Epoque mutige Frauen zur Schere griffen, ihre Korsette zerschnitten und sagten: "Wir haben auch ein Recht über uns selbst zu bestimmen!" Genauso wie ich nicht vergessen kann, dass auf die Belle Epoque der Erste Weltkrieg folgte.

Obwohl mich das Lolita-Treffen in Kandersteg dazu gebracht hat über derartige Dinge nachzudenken, habe ich es doch natürlich auch sehr genossen. Die Atmosphäre war angenehm, die anderen Lolitas, welche ich zum ersten Mal getroffen hatte, haben mich alle sehr herzlich aufgenommen, worüber ich mich als Frischling natürlich sehr gefreut habe. Ich fühlte mich wohl in der Gruppe und das Treffen war wirklich sehr gut organisiert - an dieser Stelle Chapeau, Mara. Das Treffen war wirklich fantastisch.

Als ich "Nostalgie lässt sich tragen" schrieb, war ich mir ja noch nicht sicher, ob ich die Leute am Treffen mögen würde und war mir daher noch nicht sicher, ob ich mir jemals eine eigene Lolita-Garderobe zulegen würde. Meine Entscheidung habe ich jetzt gefällt: Ich werde mir definitiv ein paar eigene Stücke zulegen.

Ja, in der Tat würde ich gerne wieder einmal dabei sein.
Denn manchmal ist es eben doch toll sich reich, adelig und elegant zu fühlen.
Manchmal macht es einfach Spass dem Höflichkeits-Kodex einer alten Zeit zu gehorchen,
manchmal trägt man eben doch gerne einen Rock.

Denn wenn es damals nicht so gewesen wäre, wäre es auch heute nicht wie es ist.

Magst du vielleicht auch

0 Kommentare