Eine Lolita kann keine gute Juristin sein

27.2.16



Ich möchte etwas sagen.
Und das wird jetzt einige Zeilen in Anspruch nehmen.

In Anbetracht der Tatsache, dass es in den letzten Tagen unter Leuten, die ich lieb gewonnen habe und schätze, zu Spannungen gekommen ist, möchte ich als Allererstes bemerken, dass es sich bei diesen Worten nicht um eine Reaktion auf irgendeine Äusserung dieser Menschen handelt, sondern lediglich um meine Gedanken zu einem Thema, dass mich schon länger beschäftigt, durch die momentan laufende Diskussion jedoch wieder ins Zentrum meines Nachdenkens gerückt ist.

Kommen wir nun aber zu dem, was ich sagen möchte:
Ich wurde schon ein paar Mal gefragt, ob ich mir keine Sorgen mache, dass irgendwann einmal „jemand“ meinen Blog oder die Social Media Profile finden könnte, auf denen ich Fotos von mir in Lolita poste. Mit „jemand“ ist in der Regel ein potentieller Arbeitgeber gemeint.
In den letzten Tagen wurde ich zudem auf Facebook immer wieder mit Kommentaren konfrontiert, in denen sich Leute Sorgen gemacht haben, dass „ihre Karriere zu Ende sein“ oder „ruiniert werden könnte“, sollten Fotos von ihnen in Lolita-Mode vom Arbeitgeber gesehen werden.

Wir wissen alle, dass Arbeitgeber heutzutage vermehrt darauf setzen, Auskünfte über potentielle Arbeitnehmer einzuholen, dazu gehört auch die Recherche im Internet. In meiner Vorlesung über Arbeitsrecht habe ich gehört, dass es mittlerweile soweit geht, dass manche Firmen Twitter-Profile durch Programme laufen lassen um herauszufinden, ob der Bewerber in der Zukunft an einer Depression erkranken könnte. Ob dies zulässig ist, ist umstritten. Während die punktuelle Internetrecherche auf Plattformen wie Xing oder LinkedIn durchaus ihre Berechtigung hat, befindet man sich mit einer solchen umfassenden Nachforschung meiner Meinung nach an der Grenze zur Persönlichkeitsverletzung. Internet-Recherchen sind überhaupt umstritten, denn die Rechtswissenschaft hinkt der unglaublich schnellen, digitalen Entwicklung weit, weit hinterher.

Es gibt also Lolitas, die sich Sorgen machen, dass ein Arbeitgeber sie beim Bewerbungsgespräch oder irgendwann während der Berufsausübung mit ihren Lolita-Fotos oder ganz einfach der Tatsache, dass sie Lolita mögen und tragen, konfrontieren könnte. Diese Sorge ist auch berechtigt, wenn man wie oben gesagt bedenkt, dass die Internet-Recherche vermehrt betrieben wird.

Nach Art. 328b OR kann der Arbeitgeber selber Informationen über den Bewerber einholen, sofern sie die Eignung für das Arbeitsverhältnis betreffen. Die vom Arbeitgeber geforderten Auskünfte und eigeholten Informationen müssen für die Durchführung des Arbeitsvertrages notwendig sein.
Was fällt nun aber unter diese Informationspflicht des Arbeitnehmers? Auf jeden Fall individualisierende Informationen wie Name oder das Bankkonto. Natürlich auch die bisherige Berufsausbildung, Berufsbewilligungen und Fragen bezüglich die letzte Arbeitsstelle.
Mir stellt sich an diesem Punkt die Frage, inwiefern ein Hobby eine Informationspflicht begründen würde.
Fragen zu Nebenbeschäftigungen bei einer Vollzeitstelle sind zulässig, also wäre es wohl zu vertreten, dass z.B. bei einem Sportler danach gefragt wird, ob die Trainingszeiten die Anwesenheit am Arbeitsplatz o.ä. beeinflussen würde. Eine Frage nach gefährlichen Hobbies, die die körperliche oder psychische Gesundheit beeinträchtigen und dadurch die Arbeitsfähigkeit beeinflussen können, könnte unter Umständen vielleicht auch zulässig sein.
Aber eine Frage danach warum und ob man Lolita-Mode trägt?

Die Liste unzulässiger Fragen ist nicht abschliessend, aber darunter fallen z.B. Fragen nach dem Lebenspartner, nach Kindern, Religionszugehörigkeit, sexueller Ausrichtung, etc.
Wieso also, sollte es einem Arbeitgeber erlaubt sein, einen Bewerber im Bewerbungsgespräch mit der Frage zu konfrontieren, ob man in seiner Freizeit Lolita-Mode trägt?

Ich verstehe die Sorge, dass man vielleicht gar nicht zu einem Bewerbungsgespräch eingeladen wird, weil der potentielle Arbeitgeber nach der Internet-Recherche und der Entdeckung von Lolita-Fotos entscheidet, dass der Bewerber so nicht passt. Allerdings besteht diese Chance immer. Nicht nur, wenn man alternative Kleidung mag. Es gibt auch Arbeitgeber, die Sport furchtbar finden, oder das Interessen an Kunst für lächerlich halten oder ganz einfach das Gesicht des Bewerbers nicht mögen. Man kann in jedem Fall gewinnen oder verlieren, wenn der Arbeitgeber Internet-Recherchen betreibt.

Bitte verzeiht, dass ich nun vor allem auf das Beispiel einer Lolita eingehe. Natürlich gibt es zig Hobbies und Kleidungsstile, die anecken können. Aber gerade dieses Thema beschäftigt mich persönlich natürlich am Meisten.
Ich gehe deswegen nun einfach von mir selber aus.

Wenn man sich davor fürchtet, dass man aufgrund einer Internet-Recherche gar nie zu einem Bewerbungsgespräch zugelassen werden könnte, muss man selber gewisse Vorkehrungen treffen: Ich verwende weder auf meinem Blog, noch auf anderen sozialen Netzwerken (mit Ausnahme von Facebook) meinen vollen, wahren Namen.
Überhaupt sollte nicht einmal mein Facebook-Profil über die Google-Suche auffindbar sein, ganz einfach weil es ein privates Profil ist und nur meine privaten Kontakte etwas angeht. Und ich würde nie auf meinem Blog darüber schreiben wo genau ich wohne und wo ich arbeite.
Wenn nun ein Arbeitgeber meine Nicknamen herausfinden würde und sich alle meine sozialen Netzwerke ansehen würde, wäre das keine punktuelle Suche mehr, sondern eine aufwändig betriebene Nachforschung über mein Privatleben, was ich nicht als zulässig erachte. Bei so jemandem oder bei so einer Firma würde ich doch sowieso nicht arbeiten wollen, ganz ehrlich.




Was würde ich nun aber tun, sollte ich doch einmal an einem Bewerbungsgespräch auf mein Hobby angesprochen werden? Oder was würde ich tun, würde mein Arbeitgeber mich irgendwann während der Berufsausübung damit konfrontieren?
Ich würde ganz einfach darlegen, dass mein Hobby, die Lolita-Mode, nichts mit der Durchführung meines Arbeitsvertrages zu tun hat.

Natürlich sagen Hobbies etwas über die Persönlichkeit und den Charakter aus. Natürlich kann es sein, dass sich ein Arbeitgeber gerade bei einem eher ungewöhnlichen Hobby, wie es die Lolita-Mode halt ist, Fragen stellt. Allerdings sehe ich nicht ein, inwiefern Lolita-Mode negativ sein soll.
Lolita gehört im Moment zu meinem Leben, ist im Moment ein Teil meiner Persönlichkeit – früher waren das andere Dinge und es muss ja nicht immer so bleiben, Menschen verändern sich. Und, dass es im Moment zu meinem Leben gehört, heisst doch einfach, dass ich mich für Mode, für das Zusammensein mit gleichgesinnten Menschen und für Kreativität begeistere. Ich bin kreativ, unternehme gerne etwas mit Freunden und setzte mich mit den Dingen, die mich interessieren, intensiv und möglichst auch intellektuell und reflektiert auseinander. Ich sehe nicht ein, was daran negativ sein soll. Ich sehe nicht ein, weshalb Lolita mich unseriös wirken lassen sollte oder die Meinung entstehen lassen könnte, dass ich nicht in der Lage wäre einen Beruf auszuüben.

Der erste Eindruck zählt ja bekanntlich. Wenn ich nun also ein Bewerbungsfoto einsende, auf dem ich „normal“, dem Berufsfeld entsprechend, gekleidet bin und beim Bewerbungsgespräch in Kleidung erscheine, die dem Berufsfeld entspricht, beweise ich doch, dass ich mich anpasse, dass mir mein Beruf wichtig ist und, dass mir völlig klar ist, dass mein Hobby während der Zeit, in der ich meinen Beruf ausübe, hinten anstehen muss.

Fahren wir fort mit mir als Beispiel.
Ich würde ganz einfach gerne wissen, wie Leute auf die Idee kommen, dass eine Frau, die Lolita trägt, keine gute Juristin sein kann.
Ich bin vor zwei Tagen auf einen Kommentar gestossen, in dem eine junge, wirklich schöne und sympathische Lolita sich Sorgen gemacht hat, weil sie ein Anwaltspraktikum absolvieren möchte. Andere machen sich Sorgen darüber, was Mitstudenten an der Universität von ihnen halten könnten.

Natürlich würde ich mich nicht in Lolita bei einer Anwaltskanzlei oder bei den Bundesbehörden bewerben. Wir wissen ja wie das ist. Man kann nicht überall ankommen und die Leute vor den Kopf stossen. Man möchte etwas von diesen Arbeitgebern – eine Arbeitsstelle nämlich. Und selbstverständlich muss man sich in so einem Fall zurücknehmen, sich anpassen und z.B. auch Kleidervorschriften erfüllen. Herrje, Chirurgen können ja auch nicht in Lolita im OP stehen. Das ist doch absolut logisch, dass ich nicht in Sweet-Lolita vor dem Kantonsgericht plädieren kann.
Aber wieso sollte ich nicht am Wochenende oder abends, wenn ich Zuhause bin und mein Privatleben lebe, Lolita tragen dürfen?
Meine Lieben – wie viele Richter und Anwälte und Professoren gehen nach Hause, schauen sich einen Porno an, bezahlen Sexarbeiter, gucken sich mit ihren Kindern im Kino Disney Filme an oder besaufen sich auf der Fasnacht?
Ich bin mir sicher, dass sie alle ihren Beruf sehr gut ausüben und trotzdem ihren Hobbies nachgehen. Man muss es halt nur ein bisschen zu trennen verstehen.
Man kann nicht in Lolita einen Parteivortrag halten, aber man kann durchaus am Wochenende in so vielen Rüschen herumlaufen wie man will, denn alles andere wäre eine unzulässige Persönlichkeitseinschränkung. Ich zähle die ganzen Grundrechte, die verletzt wären, würden Arbeitgeber so etwas verlangen, gar nicht erst auf.

Ich mache mir keine Sorgen darüber, dass ich aufgrund meiner Leidenschaft für Lolita-Mode eines Tages beruflich hinten anstehen muss.
Nein, ehrlich gesagt mache ich lieber immer weiter und hoffe, dass ich eines Tages eine so gute Juristin sein werde, dass es mir möglich sein wird, mich dafür einzusetzen, dass eben gerade solche Fragen wie z.B. die Zulässigkeit von Internet-Recherchen zu Bewerbungszwecken geklärt werden können.

Und überhaupt – was soll das denn?
Wer wäre ich denn, wenn ich mir von wildfremden Menschen diktieren lassen würde, was ich anzuziehen habe? Jeden Tag gibt es neue Regeln und neue Gesetze. Wir überregulieren alles.
Noch steht es uns frei in unserer Freizeit zu tun und lassen was wir wollen – herrje, wie könne ich das aufgeben wollen!
Soll ich mich ihnen einfach breitwillig überlassen? Soll ich mich einfach hinstellen und den Verwaltern alles überlassen? Breitwillig alle Kreativität und Einzigartigkeit aufgeben um mich ihnen anzupassen und ihnen zu gefallen?
Und sie? Warum tun sie das, warum regeln sie immer mehr und mehr und mehr?
Weil sie Angst haben.
Das Leben kann man nicht kontrollieren. Das Leben ist nicht aufzuhalten.
Sie wollen das Leben vorausschaubar machen, sie wollen Sicherheit schaffen, aber eigentlich ist alles, was sie erschaffen Automatismus, Maschinerie.
Eine gute Juristin sollte wissen, dass das Leben die Ausnahme ist. Das Leben ist nicht konstant und der Mensch ist nicht konsequent - Konsequenz ist eine Abstraktion.

Für alle schönen Lolitas, die sich solche Sorgen darüber machen, dass sie nicht zu Bewerbungsgesprächen eingeladen werden oder ihre Stelle verlieren könnten, weil sie Lolita mögen – ich habe mich für ein Seminar des Lehrstuhls für Privatrecht beworben. Ich habe auf meinem Bewerbungsschreiben dafür ein Foto von mir in Lolita abgedruckt und ich wurde für das Seminar angenommen. Ich wurde weder an der Universität noch bei bisherigen Bewerbungsverfahren jemals wegen meines Hobbys schlechter behandelt.


Wir haben alle Angst. Angst gehört zum Leben. Aber wir sollten uns dieser Angst bewusst werden und wir sollten mutig sein. Wir können sie nicht besiegen, wir sind Angst, sie wohnt in uns allen. Aber wir können sie überwinden, wir können ihr trotzen. Und wenn wir mutig sind, wenn wir der Angst trotzen, trotzen wir den Verwaltern, den Angstmachern, denen die sich eben nicht überwinden können.

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2 Kommentare

  1. Was ich die ganze Zeit einfach nicht verstehe ... wo liegt das Problem eigentlich? o.O
    Wenn ich dran denke, dass ein Arbeitgeber Fotos von mir in Lolita sehen könnte, denke ich erst einmal "na und?" und dann "ist doch viel besser, die sehen mich in knielangem Rock und hochgeschlossener Bluse statt in BH und Hotpants". XD
    Und ja, bevor sich diese Fragen stellen, logischerweise kommt erst mal der Punkt "geht die das überhaupt was an?" bzw. "darf der Arbeitgeber in meinen privaten Internetpräsenzen schnüffeln?"
    Aber, und das soll jetzt bei Gott nicht nach "selber schuld" klingen, es ist halt auch immer die Frage, wenn ich meinen echten Namen verwende, und das Profil so einstelle, dass jeder es finden kann ... das macht man ja normalerweise, weil man gefunden werden *will* ... und dan muss man natürlich auch daran denken, dass potentielle Arbeitgeber einen auch finden können.

    Und sowieso steh und fallt es damit, wie du sagst, man darf sich ja nicht von Bullies diktieren lassen, welchen Hobbies man nachgeht, da hört sich ja alles auf. XD

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    1. Exakt. ;) Ich finde eben auch, dass man ein bisschen Menschenverstand walten lassen muss und vielleicht nicht gerade seinen ganzen vollen Namen verwendet, wenn das später vielleicht unangenehm werden könnte und man das sowieso schon ahnt.
      Auf der anderen Seite ist es aber eben, genau wie du sagst, auch so, dass es Arbeitgeber einfach nichts angeht, was man in seiner Freizeit macht. Vielen Dank für deinen Kommentar. :D

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